Miras Herz pocht ungewohnt wild. Sie hört die Stimmen noch nachwirken. Sie glaubt ihnen ihre Leichtigkeit nicht. Sie versucht die Körper zu erinnern. Sie bewegten sich sehr leicht, aber ihr war, als würden sie von einem der Leichtigkeit bewussten Geist gelenkt. Eigentlich waren es viel weniger die Stimmen, sondern das eingestreute Lachen, was sie beeindruckte und gleichzeitig die Präsens der Körper, die sich eben nicht von dem Lachen gebeugt und verzogen gezeigt hatten, sondern alle Festigkeit behielten. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass dies wohl sehr schöne, fast perfekte Menschen waren und dass sie sich nicht daran erinnern konnte, jemals zuvor so viele schöne Menschen auf einmal gesehen zu haben. Eine solche Anhäufung von schönen Menschen ist anstrengend. Sie wollte immerzu zu ihnen hinüberschauen, sie erfassen mit ihrem Blick, der an ihnen solches Interesse zeigte, dass er ihr kaum mehr lenkbar schien. Widerspenstig zwangen ihre Augen sie, auf die Münder zu schauen, ihre Gestik zu bewundern und jede Linie ihres Körpers nachzufahren. Jetzt sind sie weg, aber wie alles Schöne, was verschwindet, haben sie eine Leere hinterlassen. Der Raum will ihr Lachen wieder beherbergen, die Luft will mit ihnen um Schwerelosigkeit konkurrieren und von ihrer Hände Bewegung durchschnitten werden. Ihr eigener Blick findet alles, was ihr jetzt noch zum Wahrnehmen übrig geblieben ist, fade und beinahe schon geschmacklos. Ihr Herz pocht so wild, weil es durcheinander geraten ist, weil sie bei ihrem Anblick ganz das Atmen sein gelassen hat und auch, weil es Sehnsucht spürt, weil ihre Schönheit Verlangen in ihm ausgelöst hat.
Verstohlen fasst sie ihren Körper an. Fühlt nach, ob sie ebenso fest und glatt ist. Imitiert das Lachen und ihre Gestik und zwingt ihren Körper elegant dabei zu wirken. Sie steht alleine in der Pausenhalle, niemand ist mehr da. Auch sie hätte mit ihren Freunden nach oben gehen müssen, denn das Stück hatte wieder begonnen, aber sie steht noch immer hier. Als ihre Freunde wieder reingingen, sagte sie, dass sie gleich komme, den Blick auf die Schönen gerichtet. Selbst die Frauen, die Programme verkauft haben, sind längst weg. Immer wieder holt sie Bilder aus der gerade angelangten Erinnerung hervor und erprobt sich selbst und ihre Qualität als schöner Mensch. Obwohl sie sich so ganz leicht vergewissern könnte, tritt sie nicht vor den großen Spiegel. Sie schließt ihre Augen und versucht sich ihrer eigenen Züge zu erinnern. Sie weiß nicht, ob sie zu ihnen gehören könnte. Ihre Mutter hatte ihr den Namen Mira gegeben, von dem lateinischen Wort “miraculum” abgeleitet, was “Wunder” bedeutet. Aber ihre Mutter hatte sich für den Namen entschieden, als sie noch gar nicht hatte wissen können, ob sie wirklich ein Wunder ist. Trotzdem hatte sie diese Gewissheit ihrer Mutter, dass sie etwas Besonderes sei, immer getragen. Hatte ihr geschmeichelt und jedes Mal, wenn sie sich vorstellen musste, huschte ein Lächeln über ihre Lippen, weil ihr wieder bewusst wurde, welchen Namen sie trug. Um hochzugehen und wieder ihren Platz einzunehmen, war es nun zu spät. Aus Filmen wusste sie oder glaubte sie zu wissen, dass die Türen verschlossen wurden, sobald die Vorstellung wieder angefangen hatte. Eigentlich war ihr auch gar nicht mehr danach, das Stück zu Ende zu sehen. Auch das Stück wäre nun fade und langweilig, denn ihre Augen sehnten sich nach dem Glanz, den sie eben ausgemacht hatten. Sie ging die Treppe hoch und hoffte darauf, dass im Gang ein Stuhl stehen würde. Dort würde sie dann warten.