Litauisch

2. März 2008 um 13:34 Uhr

der Glanz des Bodens gibt uns als Schatten wieder
ungekörnt und glatt und schwebend
das Licht strahlt unbeteiligt aus der Ecke
und macht sich nichts aus dir und mir

wir hören ständig seine Lieder
und denken uns als Teil von ihm
das Leben aber schlägt immer still weiter
und kümmert sich nicht um dich oder um mich

und dann schlägst du die Augen nieder
ich weiß, dies ist dein letztes Mal
ich halte an dir fest, ich halt mich fest an dir
aber du spürst oder kennst weder dich noch mich

Ein Stück

3. Dezember 2007 um 09:42 Uhr

Miras Herz pocht ungewohnt wild. Sie hört die Stimmen noch nachwirken. Sie glaubt ihnen ihre Leichtigkeit nicht. Sie versucht die Körper zu erinnern. Sie bewegten sich sehr leicht, aber ihr war, als würden sie von einem der Leichtigkeit bewussten Geist gelenkt. Eigentlich waren es viel weniger die Stimmen, sondern das eingestreute Lachen, was sie beeindruckte und gleichzeitig die Präsens der Körper, die sich eben nicht von dem Lachen gebeugt und verzogen gezeigt hatten, sondern alle Festigkeit behielten. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass dies wohl sehr schöne, fast perfekte Menschen waren und dass sie sich nicht daran erinnern konnte, jemals zuvor so viele schöne Menschen auf einmal gesehen zu haben. Eine solche Anhäufung von schönen Menschen ist anstrengend. Sie wollte immerzu zu ihnen hinüberschauen, sie erfassen mit ihrem Blick, der an ihnen solches Interesse zeigte, dass er ihr kaum mehr lenkbar schien. Widerspenstig zwangen ihre Augen sie, auf die Münder zu schauen, ihre Gestik zu bewundern und jede Linie ihres Körpers nachzufahren. Jetzt sind sie weg, aber wie alles Schöne, was verschwindet, haben sie eine Leere hinterlassen. Der Raum will ihr Lachen wieder beherbergen, die Luft will mit ihnen um Schwerelosigkeit konkurrieren und von ihrer Hände Bewegung durchschnitten werden. Ihr eigener Blick findet alles, was ihr jetzt noch zum Wahrnehmen übrig geblieben ist, fade und beinahe schon geschmacklos. Ihr Herz pocht so wild, weil es durcheinander geraten ist, weil sie bei ihrem Anblick ganz das Atmen sein gelassen hat und auch, weil es Sehnsucht spürt, weil ihre Schönheit Verlangen in ihm ausgelöst hat.
Verstohlen fasst sie ihren Körper an. Fühlt nach, ob sie ebenso fest und glatt ist. Imitiert das Lachen und ihre Gestik und zwingt ihren Körper elegant dabei zu wirken. Sie steht alleine in der Pausenhalle, niemand ist mehr da. Auch sie hätte mit ihren Freunden nach oben gehen müssen, denn das Stück hatte wieder begonnen, aber sie steht noch immer hier. Als ihre Freunde wieder reingingen, sagte sie, dass sie gleich komme, den Blick auf die Schönen gerichtet. Selbst die Frauen, die Programme verkauft haben, sind längst weg. Immer wieder holt sie Bilder aus der gerade angelangten Erinnerung hervor und erprobt sich selbst und ihre Qualität als schöner Mensch. Obwohl sie sich so ganz leicht vergewissern könnte, tritt sie nicht vor den großen Spiegel. Sie schließt ihre Augen und versucht sich ihrer eigenen Züge zu erinnern. Sie weiß nicht, ob sie zu ihnen gehören könnte. Ihre Mutter hatte ihr den Namen Mira gegeben, von dem lateinischen Wort “miraculum” abgeleitet, was “Wunder” bedeutet. Aber ihre Mutter hatte sich für den Namen entschieden, als sie noch gar nicht hatte wissen können, ob sie wirklich ein Wunder ist. Trotzdem hatte sie diese Gewissheit ihrer Mutter, dass sie etwas Besonderes sei, immer getragen. Hatte ihr geschmeichelt und jedes Mal, wenn sie sich vorstellen musste, huschte ein Lächeln über ihre Lippen, weil ihr wieder bewusst wurde, welchen Namen sie trug. Um hochzugehen und wieder ihren Platz einzunehmen, war es nun zu spät. Aus Filmen wusste sie oder glaubte sie zu wissen, dass die Türen verschlossen wurden, sobald die Vorstellung wieder angefangen hatte. Eigentlich war ihr auch gar nicht mehr danach, das Stück zu Ende zu sehen. Auch das Stück wäre nun fade und langweilig, denn ihre Augen sehnten sich nach dem Glanz, den sie eben ausgemacht hatten. Sie ging die Treppe hoch und hoffte darauf, dass im Gang ein Stuhl stehen würde. Dort würde sie dann warten.

In der Cafeteria

15. Januar 2007 um 16:53 Uhr

Lange Schlange, ich hab Hunger, sehe Studienkollegen, der steht ganz vorne, wurschtle mich durch und drängle mich vor. Ich begrüße kurz und stelle mich neben ihn, so als ob nichts wäre und ich schon immer da gestanden hätte. Studienkollege hat aufgebrachtes Huhn dabei, das total postmodern zwischen lauter Fremden und ekligem Essen, hysterisch über ihre Beziehung philosophiert. Huhn und ihr Freund haben wohl die Nacht Ewigkeiten lang Meinungsverschiedenheiten ausgetragen; übernächtigtes Huhn kriegt sms. Darin macht ihr Freund “Mensch, ich lieb dich doch und so” und Huhn fürchtet um ihre credibility und regt sich künstlich feministisch über implizierte Unernstnehmerei auf, kann jedoch ein befriedigtes Grinsen nicht unterdrücken. Ich gucke

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absichtslose Momentlichkeit

8. Januar 2007 um 13:54 Uhr

Es gibt eine Anmeldefrist, die diese Woche abläuft und daher ist alles um mich in Aufruhr. Das ist so wenig meins. Widert mich aus der Natur der Sache an, aber immer spür ich einen kleinen, verunsicherten Lemming in mir, der überlegt, ob er nicht evt. Gleiches tun will. Sich mit allen anderen einfach die Anmeldefristschlucht hinunterstürzen und den freien Fall feiern. Wie alle sich aufregen und hektisch sind und dabei viel zu viel reden und dann auch noch mit Leuten reden, mit denen sie eigentlich nicht reden würden, aber diese Arschgeigen könnten ja Informationen haben, die ihnen, den Aufgescheuchten, nützen. Aber am

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Streckverband

7. Januar 2007 um 22:15 Uhr

Heute kam ich mir vor wie das Kind, das nie mitspielen darf.

Mein Tag schlüpft aus mir heraus und dreht sich wild um mich herum, ohne mir Spaß zu machen. Nimmt keine Rücksicht auf mich, sondern wirbelt um mich und erst nach und nach lässt er davon ab. Amüsiert sich über mich, spielt weiter mit mir, aber lässt mich nicht mitmachen. Kaum dass es mir scheint,

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Besitzverhältnisse

6. Januar 2007 um 20:19 Uhr

Die Zeit kommt mir vor wie ein kleiner Feuerball, der vor mir herrast und sich seinen Weg in mein Leben brennt. Früher schenkte ich ihm kaum Beachtung und ich ging, ihn und seine Spuren ignorierend, durch meine Welt. Jetzt manchmal, kommt es mir so vor, als würde die Zeit Unterschlupf bei mir suchen. Die Gleichberechtigung zwischen uns ist nicht entstanden, weil ich älter oder alt bin, nein, ich glaube fest daran, dass die Zeit sich geändert hat. Klar, viele behaupten, dass die Zeit sich geändert hat, aber so meine ich es nicht. Es sind der Zeitgeist und die Einstellungen der Menschen, die sich verändert haben, die Zeiten haben sich geändert. Aber die Zeit als physikalische Größe ist es, die ich meine. Dennoch habe ich das Vergängliche an der Zeit schon immer sehr bewusst wahrgenommen.
Selbst im Schlaf! Es gibt in mir eine innere Uhr und sie macht es mir möglich, ohne den Wecker zu stellen, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen. Ich werde einfach wach.
Unser Verhältnis ist sehr eng. Ich lebe in ihr, sie lebt in mir. Ich liebe es, sie vollzupacken und ich hasse es, wenn sie brach liegt, unnütz vergeht. Die Zeit, die mir noch bleibt, wird immer meine Zeit sein, aber eine andere Zeit, als die Zeit, die ich vor einiger Zeit besaß. Früher war sie kein Feuerball, sondern eher Zuckerwatte – süß und klebrig und war, kaum dass man sie wahrnimmt, schon wieder vergangen, aber im Gesamten viel passiver und gestreckter.
Jetzt tritt sie in Aktion, schlägt sich auf mir nieder und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich auspeitscht, sich einen Spaß daraus macht, mich zu unterwerfen. Nicht, dass in meinem Leben mehr passierte oder dass ich Angst davor hätte, dass nichts passiert. Mein Leben ist erträglicher denn je und auch mehr auf den Punkt gebracht. Ich bin mir sehr bewusst über Situationen und Konstellationen und das übliche Gott-weiß-was. Und dennoch brennt dieser kleine  Feuerball etwas in mir aus und dabei tut er so, als suche er Unterschlupf.                  

  

Zu ner Überschrift reicht’s heute nich

3. Januar 2007 um 17:15 Uhr

Heute Nacht hat mich doch tatsächlich eine Mücke gestochen. Es ist kein verwegener oder großer Stich, wahrscheinlich war es nur eine retardierte kleine Mücke. Aber allein die Tatsache, dass ich hier im gemäßigten Deutschland im Januar noch Angst vor Mückenstichen haben muss, ist seltsam. Das Unangenehmste ist die Stelle des Stiches: nämlich der Daumen. Dieser besteht ja nur aus zwei Teilen und am unteren hat sie mich gestochen. Die Stelle ist ein klein wenig geschwollen und rot und da die Finger ja sehr stark enerviert sind, spüre ich den Stich bei jeder Bewegung.

Globale Erwärmung.

Es gab wohl noch keinen eindeutigen Frost, der den Mücken und ihren Larven den Garaus gemacht hat. Müßig erscheint es mir, sich darüber Gedanken zu machen, denn ich bin weder Wettergöttin, noch Inhaberin irgendeiner anderen Machtposition, die es mir ermöglichen würde, etwas daran zu ändern. Aber dennoch schleicht er sich ein, dieser kleine fiese Gedanke an die globale Erwärmung. Manchmal hege ich tiefe Abscheu gegen diese Leute, die immer und immer die globale Erwärmung thematisieren müssen: “Heyheyhey, hört her, ich weiß was. Ha, globale Erwärmung. Tja, ihr Doofbacken, die ihr euch über das geile Wetter freut. Pah, ihr Ignoranten, das habt ihr wohl nicht bedacht.” Mit so einem tiefgetränkten Ton der Überlegenheit stolzieren sie durch Gespräche und halten uns allen ein riesengroßes “Vor-horsicht – hier is wer, der sich mal so richtig Gedanken zur globalen Lage und überhaupt und so macht.”

Und so will ich nicht sein. Will aber auch nicht so sein, wie die ganzen anderen Vollspacken, die sich nur dümmlich übers gute Wetter freuen und ihre Dummheit durch ihre unverhohlene Freude laut herauszuposaunen wissen. So denke ich heimlich, still und leise vor mich hin und kann nen Mückenstich nicht mit der Würde einer erwachsenen Frau tragen, sondern verschiebe den Fokus und mache mir Sorgen um klimapolitische Feststehensheiten.

 

Spargel im Januar

2. Januar 2007 um 20:23 Uhr

Mein Leben ist oft ein Bauchschmerz. Ich frage mich mal, ob das viele Leute haben. Immer wenn ich etwas schlimm finde oder wenn mir etwas einfällt, was noch zu erledigen ist, aber irgendwie doof und unangenehm ist oder wenn ich etwas peinlich finde oder wenn mir etwas gedanklich weh tut – schwupps – ist er da, der Bauchschmerz.

Das ist so ein Zusammenziehen und ein Gefühl von Übersäuertsein. Gerade habe ich an einen Termin gedacht, den ich wahrnehmen muss und zu dem ich keine Lust habe und mein lieber Freund Bauchschmerz stellte sich sofort ein. Das Dumme ist, dass ich, wenn ich hier so etwas hinschreibe, bestimmt einen erbärmlichen Eindruck mache. Aber ich frage mich, ob mehr Menschen von so kleinen Flauheiten geplagt werden und dann frage ich mich, welchen Sinn das für mich als Tier erfüllt. Ist es eine Reaktion, die so rein biologisch Sinn macht oder habe ich so eine psychosomatische Klatsche und das kommt daher und in 15 Jahren liege ich bei einer Chemo und mit unheilbarem Magenschleimhautkrebs? Denn gesund kann das nicht sein. Das ist kein schönes Gefühl und vor allen Dingen erschrickt mein armes kleines Hirn so, weil es gar nicht in der Sekunde die Sache als unangenehm oder belastend entlarvt hat und dann kommt dieser Bauchschmerz und etikettiert den Gedanken/Umstand als schmerzerfüllend. Komischer Mensch, der ich bin, braucht echt und ehrlich seinen Magen, um festzumachen, wie Sachen so liegen. Also, es ist nicht so, dass mein Hirn denkt “Schmerz” und dann reagiert mein Bäuchlein, nein, das Hirn denkt so vor sich hin und denkt nichts wirklich Böses, aber da meldet sich mein Magen und signalisiert “Horrorschmerz”. Und nützen tut es auch nichts.

Tralalaa

1. Januar 2007 um 17:45 Uhr

Was ich an Silvester/Neujahr mag, ist, dass sich alle Menschen voll im Moment befinden. Alle wissen, welches Datum es ist (klar) und nehmen die Zeit wahr und es herrscht so Gemeinsamkeit. Ich mag sogar dieses Runterzählen um 0 Uhr. Und ich mag/ertrag auch noch diese dann darauffolgende Knutscherei und Beglückwünscherei. Ich habe mir als Teenager, wenn ich mal geschwärmt habe, immer gewünscht, mit meinem Schwarm Silvester verbringen zu können und dann hätte ich ihm ja hemmungslos um den Hals fallen können und ihn legitim abschmatzen können oder ihm tiefe Blicke aufdrängen können und wäre ihm nach 0 h nicht mehr von der Seite gewichen. Hat sich nie ergeben.

Ach ja…

Was ich leider unerträglich finde, ist, dass viele Menschen an Silvester so sentimental sind. Gestern habe ich es auch schon wieder gehört: “Au Mann, jetz is schon 2007.” Das verstehe ich nicht, was ist denn daran schlimmer als an ”2006″?

Natürlich weiß ich, dass das Weglaufen der Zeit Angst macht, natürlich möchte niemand, der sich alt wähnt, noch älter werden, aber andererseits bringt es doch so mal überhaupt gar nichts, wenn man sich darüber grämt. Man kann sich darüber grämen, dass vielleicht die Verrohung voranschreitet, dass vielleicht die Zeit vergeht, aber das Gemusste da bleibt, dass man mal wirklich nicht unbedingt schöner wird, dass man nicht unbedingt unvoreingenommerer wird, je mehr Zeit man verlebt hat. Aber nur inhaltsleer das Erscheinen dieser neuen Zahlen zu bedauern, hmm.

Aber natürlich ist das auch voll egal, weil nämlich sowieso nie jemand genau das formuliert, was zu formulieren wäre. Man trifft sich, um das neue Jahr zu feiern und wenn sich so ein unsmoother Gedanke einschleicht, dann wird er kurz formuliert und damit hat es sich dann auch schon.

Tja.