Blau und glänzend

2. August 2007 um 16:44 Uhr

Papas Unterschrift war eine kunstvoll verschlungene Tintenschleife, in einem Zug verband er den Vornamen mit dem Nachnamen und vollendete das Ganze durch einen herrlichen Bogen, den er unter die Buchstaben setzte. Er benutzte stets einen Füller, um zu schreiben. Nur Tinte brächte die Voraussetzungen mit sich, die es bedürfe, um einen wirklich gelungenen Schriftzug zu erzeugen. Er beugte sich über das Blatt, legte das zu unterschreibende Schriftstück in einem 45° Winkel auf den Tisch und malte seine schnörkeligen Buchstaben aus feinster Fingerhaltung und kreisendem Handgelenk. Wenn er seine Unterschrift gesetzt hatte, rückte er das Blatt gerade vor sich und blickte mit einer Mischung aus Zufriedenheit und abwägendem Auge, ob die Unterschrift seinen Ansprüchen genügen könne. Er ließ die Tinte sorgsam trocknen und erst wenn sie mit Sicherheit nicht mehr verwischbar war, legte er das Papier fort. Ich beobachtete ihn, beinahe unfähig zu atmen. Ohne dass es jemals direkt formuliert worden sei, brannten sich die Wichtigkeit des eigenen Namens und die der Niederschrift desselben bei mir ein. Kaum dass ich die Buchstaben zusammenhatte, die meinen Namen ergeben, schrieb ich jeden Millimeter Papier, z. B. in unserer Fernsehzeitschrift oder auf geöffneten, zum Wegwurf bereiten Briefumschlägen, mit ihm voll.

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Auf der Fahrt

11. März 2007 um 16:00 Uhr

Sitzend, guckend – viele Stunden Fahrt. Gedanken an nichts. Vorbeiziehende Lichter und sichtbarwerdender Wind. Ich hinten, bald schlummernd, bald liegend, bald wartend. Blicke in den Ausschnitt des Himmels, der verfügbar ist. Versuche das Unterwegssein in meinem Körper zu spüren. Nur ein leichtes Durchrütteltsein ist fühlbar. Mama, Papa vorne. Sie hält den Gurt ab und sitzt ganz aufrecht, befürchtend ihr Kleid zerknittere sonst. Ein Kleid aus rosa Seide, seidenüberzogene Knöpfe halten es, an den Schultern liegt es in Wellen und zeigt doch ganz deutlich ihre Körperlinien aus Knochen und Muskeln. Das Kleid steht ihr. An jeder Stelle sitzt es so, dass man tief erfreut seinen Blick nicht abwenden mag, da man weiß, dass dieses Kleid nicht besser getragen werden kann, dass es an diesem Menschen seine Erfüllung gefunden hat. Es ist noch nicht einmal ein besonders außergewöhnliches Kleid. Kein spektakulärer Schnitt, keine raffinierte Farbe, keine schmückenden Extras. Es fließt auf ihrem Körper, jedoch ohne lose zu sein. Das Kleid gibt ihr einen Hauch von Unsterblichkeit. Ein perfekter Anblick, der immer gelten könnte und bestimmt alle Zeiten übersteht. So sitzt sie da, kellergefalteter Rock aufliegend auf zarter Haut. Spähe nach vorne – wortlos. Betrachte sie und will mir soviel merken, wie überhaupt nur möglich. Er lenkt mit festem Arm. Viele kleine Stränge von Muskeln werden sichtbar und doch sieht sein Halten so leicht aus. Er lenkt mit einer Hand, die andere ruht auf ihrem Unterarm. So ziehen wir vorbei, vorbei an Wagen, an Gebäuden, an der Welt. Ich beuge mich nach hinten, angelehnt gucke ich auf die Straße. Mein Blick heftet sich an Gegenstände und verlässt sie wieder schnell. Das Hinundher meiner Augen geschieht mit soviel Schwung, dass mit jedem Festhalten und Loslassen ein kleiner Ruck durch meinen Kopf geht. Ich kann meine Blicke nicht lenken. Plötzlich durchzieht mich eine leichte Übelkeit. Jammernd tue ich das meinen Eltern kund.
Mach die Augen zu, dann wird’s besser, sagen sie. Wissend, dass geschlossene Augen nichts nützen, schließ ich sie. Die Musik ist es, auf die ich mich konzentriere. Eine Melodie, viel Rauschen. Das geöffnete Fenster lässt die Luft von innen an der Luft von außen schnuppern. Auch sie rauschen aneinander vorbei, sind Druck auf meinem Kopf. Beuge mich vor, öffne die Augen, setze zum Sprechen an, um darum zu bitten, dass die Musik lauter gestellt wird und schon bricht es aus mir heraus. Mamis Kleid nun wild besprenkelt. Ich muss lachen. Alle Fenster werden nun geöffnet, Ruhe behalten und weitergefahren.

Intermezzo

19. Januar 2007 um 21:27 Uhr

Und plötzlich riecht es nach ewig. So weich und warm und nach Niemalsmehraufstehenmüssen, dieses Aufstehen nur um Dinge zu tun, die getan werden müssen und doch noch irgendwann anders mal getan werden könnten. Die Mutter riecht nach ewig. Riecht danach am Morgen, wenn sie einen weckt, riecht so am Tag, wenn man sich in ihr verkriecht, bedeutet ewig, wenn sie einen am Abend in den Schlaf singt.

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