Lutezia II

27. Mai 2007 um 23:11 Uhr

Emils Morgen fühlt sich groß und stark an. Er guckt aus Konrads Fenster und blickt auf die Welt. Heute wird er sie sehen. Konrad schläft noch immer im Sitzen. Die Hände hat er auf seine Schulter gelegt und stützt damit seinen Kopf ab. Seine nackten Füße sehen bläulich aus. Ob das Blut in den Beinen durch das lange Sitzen abgeschnürt ist? Emil geht zu seinem Freund und legt ihm seine Beine hoch auf die Couch. Völlig unbeeindruckt schläft dieser weiter, aber in seinem Gesicht macht sich ein entspannter Ausdruck breit. Dann geht Emil in den Flur und sucht nach dem Wohnungsschlüssel, denn er will Brötchen holen und seinem Freund ein Frühstück bereiten. Im Flur hängt ein kleines Brett, was alle Schlüssel beherbergt, die Konrad besitzt. Es hängen fünf vollgepackte Schlüsselbünde daran. Wieso hat Konrad so viele Schlüssel, fragt Emil sich. Eigentlich egal. Er nimmt einen und probiert aus, ob ein Schlüssel davon ins Schloss passt. Unverhoffterweise passt einer der Schlüssel des ersten Bundes. Emil hatte schon befürchtet, dass er einige Zeit damit verbringen würde, den richtigen Schlüssel zu finden. In der Küche findet er einen leeren großen Rucksack, den er zum Transportieren des Einkaufs benutzen möchte. Es ist schon 10 Uhr und er weiß, dass er sich beeilen muss, wenn er noch eine Auswahl an Brötchen bekommen möchte. Eigentlich verabscheut er ja die SB-Bäckereien, aber der Vorteil dieser Läden ist definitiv, dass ständig alles verfügbar ist. Als er gestern zu Konrad kam, hat er einen solchen Laden gesehen und eine kleine Bäckerei gar nicht unweit davon. Der Bäcker tat ihm leid, denn wie soll er gegen eine solche Konkurrenz anbacken? Emil wird beim Bäcker kaufen. Er schaut in den Kühlschrank, um zu überprüfen, ob genug Käse und dergleichen vorhanden ist. Der Kühlschrank ist vollgestopft mit dem unbeliebten Bier, sonst kann Emil nichts entdecken, außer einer Marmelade. Er guckt ins Regal, in dem Konrads Lebensmittel stehen und entdeckt zumindest Orangensaft, Kaffeeweißer und Instantkaffee.

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Lutezia

um 15:25 Uhr

Der Morgen begrüßt sie sanft und nicht fordernd, dennoch kann Uta sich nicht dazu entschließen, ihm wohlgesonnen gegenüberzutreten. Sie zieht die Decke über den Kopf und weigert sich, die Augen zu öffnen und das Licht aufzunehmen. Es gibt viel zu viel zu tun. Ihr Magen knurrt. Sie müsste auf der Stelle aufstehen, sich waschen, unsinnigerweise das Bett machen - sie macht ihr Bett jeden Tag, obwohl es ihr unnütz erscheint, dabei fällt ihr jedesmal auf, dass die Formulierung “das Bett machen” schon seltsam klingt - und dann Einkaufen gehen. Eigentlich mag sie Einkäufe, das hat so etwas von einer Erneuerung, aber als Single muss man sich ständig überlegen, ob das Eingekaufte überhaupt verbrauchbar ist und das ist ein Gegensatz zu früher, als sie noch für zwei Esser einkaufen konnte. Sie denkt an die zwei Sänger von gestern und versucht sich an ihre eigene gestrige Freude zu erinnern, aber sie keimt nicht mehr in ihr auf. Anstatt dass sie dort anknüpfen könnte, denkt sie an den G8-Gipfel. Eigentlich durchschaut sie gar nicht, was da passiert, aber es kommt ihr so vor, als entwickle sich neues politisches Potential oder sie ist einfach sensibler für Bedrohliches, weil in ihr selbst eine ständige Ohnmacht tobt. Ihre ganze Stirn zieht sich zusammen, früher hat sie augenblicklich versucht, sie zu entspannen, weil sie sich vor den Falten fürchtete, jetzt ist es ihr egal. Sie wundert sich nur, dass ihre Stirn sich immer wieder kraus ziehen mag. Welche absurden oder schwierigen Gedanken sind ihrem Hirn denn noch fremd? Seit er fehlt, ist alles unnachvollziehbar und alle Menschen und ihr Handeln erscheinen ihr absurd.

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Apnoe

26. Mai 2007 um 11:08 Uhr

Konrad schläft im Sitzen auf der Couch. Das Bier und der Tanz haben ihn wohl erschöpft. Sein Kopf ist hochgereckt, im Schoß hält er mit zwei Händen eine Bierflasche, sein Rücken ist ganz lang gestreckt, die Füße sind aneinandergestellt und die Knie weit von einander gespreizt. Dies ist eine absurd gelenkige und verschränkte Art, seine Glieder zum Schlaf auszustrecken. Seine Körperhaltung gibt ihm etwas von einer Comicfigur. Durch den geöffneten Mund atmet er ruhig und tief. Eigentlich müsste seine Atemluft sich reiben und er somit schnarchen, aber er sitzt, atmet und schläft quasi geräuschlos. Er hat die Schultern leicht angezogen und macht einen ahnungslosen Eindruck. Das Lied läuft noch immer, aber für Emil hat es sich schon unauffällig gespielt. Konrad sprach von dem Lied als einem, mit solch einer Kraft, dass er es nunmehr seit annähernd zwei Jahren unentwegt hören könne und sei noch immer nicht desensibilisiert. Es wirke quasi universell, der Text sei eindeutig genug, dass man ihn punktuell anwenden könne, aber dennoch so reichhaltig in seiner Interpretationsweite, dass Konrad damit frohe und traurige Stimmungen untermalen könne.

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Pawlow

25. Mai 2007 um 08:28 Uhr

Sein Kopf ist voller brausefroher Ideen. Er malt sich aus, wie er sie finden wird. Eigentlich wollte er ja noch heute zu ihr, aber Konrad riet ihm “erst einmal anzukommen”. Jedem anderen trüge er den Gebrauch dieser Formulierung nach, weil dieses angeratene Ankommen so, na ja, so idiotisch ist. Man ist doch schon sowieso da. Als Konrad das so formulierte, merkte er, wie er zusammenzuckte, aber er brachte die Kraft auf, dem Rat zu folgen und nicht nur angewidert zu sein, von der Floskel.

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Mischmasch

24. Mai 2007 um 20:07 Uhr

Ein sich abhebender Himmel. In unecht wirkende Farben getaucht, wölbt er sich über die Welt. Sie begeht die Welt unter ihm und fühlt sich erleichtert. Gerade jetzt, wo die Welt nicht in Ordnung scheint, wo der Himmel sich bedrohlich absetzt, wo Druck in der Luft herrscht, jetzt spürt sie keine Angst mehr. Endlich stimmt das, was sie umgibt, mit dem überein, was in ihr schlagende Wahrheit ist. Sie hat gelernt, mit ihrem Wahn umzugehen. Sie weiß, dass sich bald etwas ändern muss. Er fehlt. Sie vermißt ihn sekündlich, sie weiß, dass es für ihn besser war, den Schmerzen zu entkommen, sie weiß, dass er so krank, mit dieser Krankheit, die in ihm fraß, kein Leben mehr hätte haben können. Sie weiß, dass alle Operationen nur Stückwerk und Verschiebung waren, sie gestattet es sich nicht zu denken, dass er in der Willkür von Können und Erfahrung lag. Sie beneidet die frühere Uta, sich selbst, um die Ignoranz der Glücklichen.

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Aufgewühlt

21. Mai 2007 um 11:43 Uhr

Er sucht in der Kiste, das Heft muss doch hier sein, denkt er. Er macht mit den Armen absurd großzügige Bewegungen, als gelte es einen Kopfsprung in die Untiefen der Kiste zu wagen, dabei ist diese Kiste nicht viel größer als ein Schuhkarton. Er sucht besinnungslosgelöst weiter. Den Inhalt ganz auszuschütten, um dann durch systematisches Zurücklegen an den gesuchten Gegenstand zu kommen, das traut er sich nicht, da er dann vielleicht die Gewissheit bekäme, dass das Büchlein nicht hier ist. Wo sollte er dann noch suchen? Es muss hier sein. Er wühlt und drängt den Inhalt an die Seite und versucht mit starrem Blick, das Gesuchte zu erhaschen. Traut sich kaum die Augen zu schließen, bis ihm schließlich seine Augen brennen. Er weigert sich die Netzhaut mit Tränenflüssigkeit zu benetzen, vielleicht dann gerade würde das Gesuchte auftauchen und er übersähe es. Er muss es finden, denn dort hat er den Gedanken aufgeschrieben, den er jetzt nicht mehr rekonstruieren kann.

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Heldengeschichte

20. Mai 2007 um 22:01 Uhr

Unter seinen Backenzähnen kleben Stückchen von den Reiswaffeln, die er als letztes snackartiges Nahrungsmittel in seiner Küche gefunden hatte. Er kocht sehr gerne und deshalb hat er nur Dinge zu Hause, die sich zu Gerichten verarbeiten lassen. So transportables Essen brauchte er so gut wie nie. Eigentlich überhaupt kein Problem, auf die Schnelle Einkaufen zu gehen. Die Läden sind alle großzügig geöffnet, manche öffnen ja schon um 6 h und darüber hinaus gibt es die an die Tankstellen angebundenen 24h-Shops, die alles im Sortiment zu haben scheinen. Reiswaffeln bestimmt auch. Reiswaffeln schmecken nach nichts und außerdem ist das Essgefühl nicht so berauschend. Sie sind trocken und fad und stillen den Hunger nur bedingt, aber jetzt tun sie den Dienst, dass ihm der Magen nicht mehr so aufmüpfig entgegenknurrt, dass er gefälligst endlich zu füllen sei. Zumindest für einige Zeit gelingt es ihm so, das Knurren zu beseitigen. Mit angestrengter Zunge versucht er, die Zähne von den gepufften Reiskörnern zu befreien. Ein bisschen erinnert ihn dieses Gefühl auf seinen Zähnen an das, was man hat, wenn neue Plomben noch nicht passend geschliffen worden sind. Am liebsten würde er mit dem Finger nachhelfen, aber er wartet schließlich mit anderen hier darauf, dass endlich die eigene Nummer auf dem Display über der Eingangstür erscheint.

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Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen?

16. Mai 2007 um 18:50 Uhr

Welch seltsamer Tag. Keine wahrnehmbaren Formen oder Farben. Alles ist diffus. Ich wundere mich über alles. Über den Boden, den ich begehe. Ich frage mich, wer diese Steine dort verlegt hat. Hat der Rücken dieses Menschen noch immer unter den Folgen dieser Arbeit zu leiden oder liegen sie, die Steine, schon solange dort, dass alle Schritte ihn und seinen Rücken schon längst überlebt haben.
Über meine Beine, die mich so sicher auf ihm tragen. Ich schaue verwundert auf meine Füße, die in Schuhen stecken. Schuhe, die ich mir ja gekauft haben muss. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann oder warum ich genau diese Schuhe gekauft habe. Diese Schleife dort, sie ist ein kleines Kunstwerk. Ich selbst muss sie wohl gebunden haben. Ein bisschen stolz darauf, wie schön sie meinen Fuß schmückt, gehe ich einige Minuten mit gesenktem Blick und bewundere sie. Aber dann setzt das allgemeine Wundern wieder ein.

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Wendemanöver II

15. Mai 2007 um 23:47 Uhr

Natürlich ist es eine alte Holztreppe, die nach oben führt. Sie knarrt und knirscht und macht den Eindruck, als ob sie sich nur sehr widerwillig betreten lässt. In der Mitte der Stufen ist das Holz weggetreten und das Geländer wackelt. Wir gehen vier Absätze hoch, bis sie vor einer Tür hält. Auf dem Namensschild steht “Elfriede Meier”. Sie sieht, dass ich den Namen lese und sagt: “Ja, so heiße ich. Großes M und kleine Eier.” Dabei zeigt sie auf ihren Mund, soll wohl großes Mundwerk bedeuten und bei den “kleinen Eiern” zeigt sie auf ihren Busen. Ich muss lachen und sie ist zufrieden, dass ich den Witz verstanden habe. Wir stehen vor einer Holztür, die verglast ist. Von innen hängt eine blaugeblümte Gardine vor dem Glas, um die Sicht zu verdecken. Sie muss den Schlüssel zwei Mal umdrehen. Ich schließe meine Tür nie ab. Das habe ich noch nie verstanden, was das nützen soll, aber dass ihre Tür verschlossen ist, weckt irgendwie Vertrauen bei mir. Sie geht vor und ruft mir zu, dass ich ihr einfach folgen solle. Eine sehr ordentliche Wohnung präsentiert sich mir. Sie besteht aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, Küche und Bad. Der Schnitt der Wohnung macht es möglich, kaum dass man zwei Schritte drin steht, die Aufteilung in einem Blick zu erkennen. Und natürlich wählen alle Menschen dieser Welt immer tatsächlich die quasi vorgegebene Benutzung der Räume. So auch sie.

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Unreiner Reim

14. Mai 2007 um 21:37 Uhr

Es pocht. Meins pocht noch. Es pocht völlig emotionslos. Ich atme in Schüben, will es durch Atempausen aus der Ruhe bringen, doch es pocht einfach unbeirrt weiter. Leer und leise pocht es vor sich hin. Dann versuche ich zu hyperventilieren und beobachte, ob sich etwas tut. Es bleibt unbeeindruckt. Es pocht weiter leer und leise vor sich hin.
Immer seltsam diese Momente, wenn mir das Pochen bewusst wird. Habe mich noch nie darüber gefreut. Mein pochendes Herz war nie etwas, was mir wichtig, richtig oder angenehm schien. Wenn ich aufgeregt bin, dann pocht es stürmisch, verräterisch und ich wünschte mir da schon oft, dass es besser ganz aufhören möge, zu schlagen.

Jetzt liege ich hier und kann nur denken: Meines pocht noch.

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