31. Juli 2007 um 01:23 Uhr
“Ich mochte die Untergangsstimmung total. Wie sich das Rot des Himmels über die ganze Welt ausgeschüttet hat. Weißt du, diese eine Szene, als die Frau auf Stöckelschuhen über die Straße gegangen ist und sich der Himmel in dem nassen Kopfsteinpflaster gespiegelt hat? Erinnerst du dich daran? Das absolut Großartige war für mich dann als Goldfrapps “Utopia” einsetzte.” Er redet und gestikuliert und in seinen Augen kann man erkennen, wie er sich die einzelnen Sequenzen vorstellt. Er sprüht vor Leben und redet dabei von einem Untergang.
“Ich mochte den Film so ein bisschen. Ich erkenne an, dass er sehr gut fotografiert ist und dass alle Schauspieler tatsächlich darstellen konnten, aber ich mag so Geschwängertes – egal wovon – nicht. Mir ist es lieber, wenn explizit ausgedrückt wird, was ausgedrückt werden soll.” Eigentlich ist der Film so gar nicht ihrer, aber wenn der beste Freund sich ereifert, ist es schwer, nicht wenigstens ein wenig objektiv zu loben.
Thomas greift nach ihrer Hand und schüttelt sie wild, das macht er häufiger.
“Menno, du bist mir in letzter Zeit zu depressiv. Du kleidest dich nur noch in Schwarzem und hast nicht genug Lebensfreude, einen düsteren Film wertzuschätzen. Wusstest du eigentlich, warum man bei Beerdigungen schwarz trägt?”
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10. April 2007 um 10:55 Uhr
Der Gang ist leer. Sie gehen nebeneinander. Von beiden Seiten fließt Licht in den Gang. Sie laufen durch eine Art Tunnel, der zwei Gebäudeteile miteinander verbindet. Die Sonne steht am höchsten Punkt und das durch die Fenster dringende Licht wärmt den Gang und lässt diesen Frühlingstag heiß erscheinen. Ihre Schritte werden von dem Bodenbelag gedämpft, so fällt es nicht auf, dass sie unregelmäßig läuft, um mit ihm Schritt halten zu können. Nicht, dass er es versäumen würde, auf sie zu achten, nur ist er wohl so in Gedanken, dass er nicht auf sein Gehtempo oder seine Schrittlänge achtet. Sie selbst denkt ja auch nur um ihn herum. Sie sprechen nicht miteinander, aber das ist gar nicht unangenehm oder gar erforderlich, miteinander zu sprechen. Ihr Kopf ist beinahe taub gedacht. Immer wieder denkt sie den einen Satz: “Ich hatte bisher das Gefühl, nur mir selbst verpflichtet zu sein, aber seitdem ich dich kenne - und dabei war ich gar nicht darauf aus , einen Menschen zu finden - spüre ich, dass ich anders sein könnte.”
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7. April 2007 um 21:15 Uhr
Der Blick wandert, wandert durch die Welt, etwas Schönes zu finden. Ein Lächeln, eine gelöste Bewegung, einen in schönen Farben gehüllten Körper. Auf dem Asphalt liegen große Blütenblätter eines Magnolienbaumes. Sie sind sehr schön, liegen dort und schmücken das Grau. Einige von ihnen sind zertreten, wurden übergangen, überfahren, es wurde achtlos auf ihnen Gewichte gelegt, die das zarte Weiß-Lila in ein schändliches Braun zu verwandeln wussten. Obwohl doch in diesem Braun gefärbt, sind sie noch immer schön. Liegen dort und schmücken selbst in diesem Zustand, dem man das Vergehen ganz deutlich ansieht, die Straße, kündigen das wärmerwerdende Wetter an, deuten auf all das Licht, das nun wieder in die Welt tritt. Beweisen, dass es immer weitergehen wird. Zeigen, dass es nichts nutzt, traurig zu sein, denn schon bald wird ein Schönes sich um das eigene Leben legen und die Sinne verzaubern.
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21. März 2007 um 11:12 Uhr
“Es ist immer noch schön, dich zu sehen.” Sie gehen nebeneinander. “Weißt du auch, warum es so schön ist?”, fragt sie ihn und blickt in sein Gesicht. Sie kann nicht aufhören, ihn schön zu finden. Jedes Mal, wenn sie ihn ansieht, sticht ihr seine Schönheit ins Auge und doch ist sie jedes Mal verwundert über genau dieses Empfinden. Es gibt viele Gründe, ihn wunderbar zu finden, sein sie berührendes Aussehen ist aber der unwichtigste Grund. Er bleibt stehen, gräbt die Hände in seine Jackentaschen und reckt den Nacken. “Es ist einfach schön, ich freue mich immer, wenn wir uns sehen. Ich habe so ein tiefes und echtes Gefühl für dich und fühle mich wohl, wenn wir zusammen sind.” Sie ist ihm ein paar Schritte voraus und dreht sich zu ihm um und geht den Weg nun rückwärts. Sie muss lachen. Die Hände in den Taschen, rennt er zu ihr. “Ich frag mich, wieso du dich immer so sträubst, dir zu überlegen, warum etwas so ist, wie es ist? Ich weiß ganz genau, warum wir so prima befreundet sein können.” Sie sagt das und wölbt den Oberkörper nach vorne, eine Geste des Stolzes, der gespielten Überlegenheit. Jetzt lacht er. “Okay, dann sag mir Dummi doch, warum wir uns so mögen.”
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10. März 2007 um 20:55 Uhr
In den Blättern glitzert die Sonne. Sie funkelt eigentlich nicht in den Blättern, sondern durch sie hindurch. Ein recht milder Winter zwang die Bäume nicht zu dem totalen Rückzug ihrer Säfte ins Bauminnere. Einige Blätter hängen also noch. Das ungewöhnlich lange Verbleiben am Baum hat sie löchrig und nüchtern gemacht. Sie tragen eine glanzlose Herbstfärbung, hängen licht und spröde an den Ästen. Durch ihre zerlöcherte Gestalt drängt sich Sonnenlicht und funkelt und flunkert ihnen Schönheit und Anmut an. Alles Genaue verwischt, der Wind unterstützt diese Scharade durch sein unrhythmisches Wehen und Rütteln an den alten Blättern. Man kann ihre Gestalt kaum mehr erfassen, sie könnten einem schön erscheinen. Ihm sind sie schön.
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4. März 2007 um 15:12 Uhr
“Ich fühle mich so sinnlos verliebt. Irgendetwas in mir weiß, dass es bestimmt irgendeinen Sinn trägt und trotzdem schwimme ich mir selber weg.” Sie guckt ihn an und fühlt sich seltsam angezogen von dem, was er sagt. Es geht um Liebe und das ist ihr brennendstes Thema, alles was sie derzeitig interessiert. Das Ärgerliche daran ist nur, dass er nicht sinnlos in sie verliebt ist. Er sitzt ihr gegenüber und blättert in seinem Kalender, kaut an den Nägeln seiner linken Hand und schnappt zwischendrin nach Luft. Er möchte ansetzen und beginnen und neue Gedanken in Laute kleiden, aber dann hält er doch ein.
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24. Februar 2007 um 03:02 Uhr
Sie gleitet in den Tag. Ist froh, bleibt stehen, dreht sich um, verschraubt ihren Gang, der ein Stehen wird, ihre bewegungslosen Füße mit der Straße und bringt ihr Becken so in eine gekippte Haltung. Reckt den Kopf nach oben. Hält nach nichts Ausschau, guckt einfach hoch und bringt die Halswirbel in Streckung. Würde sich jetzt gerne mit beiden Händen durch die Haare fahren, aber eine Hand ist mit Halten beschäftigt. Hält einen Einwegbecher, der einer Schnabeltasse gleicht, ganz ergonomisch ausgerichtet mit gestrecktem Handgelenk. Spürt das Gewicht des Getränks, die Wärme des Getränks und ist froh, dass noch soviel da ist. Manche lecken und züngeln an dem Deckel herum, das findet sie ekelig.
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10. Februar 2007 um 22:29 Uhr
Meistens hält er eh seinen Mund, so wie gestern, da hat er niemandem was entgegengehalten. War ein eleganter Nichtsnutz, der der Welt Enge zwar um sich spürte, aber der nicht an den einschnürenden Stricken zog, sondern ließ sich bereitwillig einschnüren.
Heute ist er anders. Detonierbereit nimmt er große Schlücke Rotweinschorle. Ein Faux Pas, bestimmt. So guten, intellektuellen, tiefen, schweren und roten Wein zu verwässern, aber die Kohlensäure nimmt das Saure. Er hat in eine 2l Mineralwasserflasche eine 1:1-Mischung gegossen. Trägt die nun mit sich in der Bahn. Alle Mitreisenden denken sicher, dass dies irgendein Wellness-Drink sei.
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