Verzeihen

26. Januar 2007 um 21:08 Uhr

Sie gehen auf der Straße. “Komm’, beeil’ dich. Los, jetzt mach’ schon.” Mutter und Kind. Sie spricht sehr laut und unbändig – wütend. Laufen nebeneinander her und spräche sie nicht, schien es so, als wüßte sie gar nicht, dass sie beieinander sind. Das Kind hüpft geradezu, um der Aufforderung nachzukommen und guckt zu ihr. Es reicht ihr bis zur Hüfte und sein schneller Schritt lässt den weiten Schaft seines Gummistiefels immer wieder in die Kniekehle fahren. Das macht ihm das Gehen schwer. Seine Füße schwimmen lose in dem Plastik. Kein Halt, ungedämpftes Gehen. Es stapft und stolpert auf haltlosen Sohlen neben der Mutter. Läuft bemüht und gehetzt. Es tastet nach der Hand der Mutter. Sie stößt es zurück und guckt es nicht an. Wieder versucht es, die Hand zu fassen. Berührt die Mutter aber nicht. Der Arm ist ausgestreckt, aber er berührt sie nicht. Es verzieht das Gesicht, hat Angst vor der lauten Stimme, möchte das Wegstoßen der Hand nicht wieder spüren. Leise fragt es:

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Intermezzo

19. Januar 2007 um 21:27 Uhr

Und plötzlich riecht es nach ewig. So weich und warm und nach Niemalsmehraufstehenmüssen, dieses Aufstehen nur um Dinge zu tun, die getan werden müssen und doch noch irgendwann anders mal getan werden könnten. Die Mutter riecht nach ewig. Riecht danach am Morgen, wenn sie einen weckt, riecht so am Tag, wenn man sich in ihr verkriecht, bedeutet ewig, wenn sie einen am Abend in den Schlaf singt.

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In der Cafeteria

15. Januar 2007 um 16:53 Uhr

Lange Schlange, ich hab Hunger, sehe Studienkollegen, der steht ganz vorne, wurschtle mich durch und drängle mich vor. Ich begrüße kurz und stelle mich neben ihn, so als ob nichts wäre und ich schon immer da gestanden hätte. Studienkollege hat aufgebrachtes Huhn dabei, das total postmodern zwischen lauter Fremden und ekligem Essen, hysterisch über ihre Beziehung philosophiert. Huhn und ihr Freund haben wohl die Nacht Ewigkeiten lang Meinungsverschiedenheiten ausgetragen; übernächtigtes Huhn kriegt sms. Darin macht ihr Freund “Mensch, ich lieb dich doch und so” und Huhn fürchtet um ihre credibility und regt sich künstlich feministisch über implizierte Unernstnehmerei auf, kann jedoch ein befriedigtes Grinsen nicht unterdrücken. Ich gucke

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absichtslose Momentlichkeit

8. Januar 2007 um 13:54 Uhr

Es gibt eine Anmeldefrist, die diese Woche abläuft und daher ist alles um mich in Aufruhr. Das ist so wenig meins. Widert mich aus der Natur der Sache an, aber immer spür ich einen kleinen, verunsicherten Lemming in mir, der überlegt, ob er nicht evt. Gleiches tun will. Sich mit allen anderen einfach die Anmeldefristschlucht hinunterstürzen und den freien Fall feiern. Wie alle sich aufregen und hektisch sind und dabei viel zu viel reden und dann auch noch mit Leuten reden, mit denen sie eigentlich nicht reden würden, aber diese Arschgeigen könnten ja Informationen haben, die ihnen, den Aufgescheuchten, nützen. Aber am

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Streckverband

7. Januar 2007 um 22:15 Uhr

Heute kam ich mir vor wie das Kind, das nie mitspielen darf.

Mein Tag schlüpft aus mir heraus und dreht sich wild um mich herum, ohne mir Spaß zu machen. Nimmt keine Rücksicht auf mich, sondern wirbelt um mich und erst nach und nach lässt er davon ab. Amüsiert sich über mich, spielt weiter mit mir, aber lässt mich nicht mitmachen. Kaum dass es mir scheint,

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Besitzverhältnisse

6. Januar 2007 um 20:19 Uhr

Die Zeit kommt mir vor wie ein kleiner Feuerball, der vor mir herrast und sich seinen Weg in mein Leben brennt. Früher schenkte ich ihm kaum Beachtung und ich ging, ihn und seine Spuren ignorierend, durch meine Welt. Jetzt manchmal, kommt es mir so vor, als würde die Zeit Unterschlupf bei mir suchen. Die Gleichberechtigung zwischen uns ist nicht entstanden, weil ich älter oder alt bin, nein, ich glaube fest daran, dass die Zeit sich geändert hat. Klar, viele behaupten, dass die Zeit sich geändert hat, aber so meine ich es nicht. Es sind der Zeitgeist und die Einstellungen der Menschen, die sich verändert haben, die Zeiten haben sich geändert. Aber die Zeit als physikalische Größe ist es, die ich meine. Dennoch habe ich das Vergängliche an der Zeit schon immer sehr bewusst wahrgenommen.
Selbst im Schlaf! Es gibt in mir eine innere Uhr und sie macht es mir möglich, ohne den Wecker zu stellen, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen. Ich werde einfach wach.
Unser Verhältnis ist sehr eng. Ich lebe in ihr, sie lebt in mir. Ich liebe es, sie vollzupacken und ich hasse es, wenn sie brach liegt, unnütz vergeht. Die Zeit, die mir noch bleibt, wird immer meine Zeit sein, aber eine andere Zeit, als die Zeit, die ich vor einiger Zeit besaß. Früher war sie kein Feuerball, sondern eher Zuckerwatte – süß und klebrig und war, kaum dass man sie wahrnimmt, schon wieder vergangen, aber im Gesamten viel passiver und gestreckter.
Jetzt tritt sie in Aktion, schlägt sich auf mir nieder und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mich auspeitscht, sich einen Spaß daraus macht, mich zu unterwerfen. Nicht, dass in meinem Leben mehr passierte oder dass ich Angst davor hätte, dass nichts passiert. Mein Leben ist erträglicher denn je und auch mehr auf den Punkt gebracht. Ich bin mir sehr bewusst über Situationen und Konstellationen und das übliche Gott-weiß-was. Und dennoch brennt dieser kleine  Feuerball etwas in mir aus und dabei tut er so, als suche er Unterschlupf.                  

  

Wendemanöver

5. Januar 2007 um 23:49 Uhr

Ich bin an der Bushaltestelle. Warte auf den Bus, der mich zu der nächsten Sinnlosigkeit fahren soll. Ja, ich tue mir selber leid. Nichts Positives kann ich an diesem Tag erkennen.

Auf der Bank sitzt eine alte Frau. Sie ist nicht sehr gepflegt und entspricht nicht dem Prototyp einer alten Dame. Sie trägt eine graue Leggins und eine Blousonjacke aus den 80ern. Ihr Haar ist grau und leider sehr fettig. Ich bedauere mehr mich, weil ich es riechen kann. Ihr Haar riecht, obwohl ich bestimmt 4 m entfernt von ihr warte. Sie ist sehr dünn und hat in einer bemerkenswert gelenkigen Weise ihre Arme und Beine übereinander gekreuzt. An den Füßen trägt sie Segelschuhe, bei dem Wetter trägt sie Stoffschuhe. Die gebräunten knochigen Hände sind mit Ringen in erstaunlicher Anzahl geschmückt. Sie spreizt die Finger

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Zu ner Überschrift reicht’s heute nich

3. Januar 2007 um 17:15 Uhr

Heute Nacht hat mich doch tatsächlich eine Mücke gestochen. Es ist kein verwegener oder großer Stich, wahrscheinlich war es nur eine retardierte kleine Mücke. Aber allein die Tatsache, dass ich hier im gemäßigten Deutschland im Januar noch Angst vor Mückenstichen haben muss, ist seltsam. Das Unangenehmste ist die Stelle des Stiches: nämlich der Daumen. Dieser besteht ja nur aus zwei Teilen und am unteren hat sie mich gestochen. Die Stelle ist ein klein wenig geschwollen und rot und da die Finger ja sehr stark enerviert sind, spüre ich den Stich bei jeder Bewegung.

Globale Erwärmung.

Es gab wohl noch keinen eindeutigen Frost, der den Mücken und ihren Larven den Garaus gemacht hat. Müßig erscheint es mir, sich darüber Gedanken zu machen, denn ich bin weder Wettergöttin, noch Inhaberin irgendeiner anderen Machtposition, die es mir ermöglichen würde, etwas daran zu ändern. Aber dennoch schleicht er sich ein, dieser kleine fiese Gedanke an die globale Erwärmung. Manchmal hege ich tiefe Abscheu gegen diese Leute, die immer und immer die globale Erwärmung thematisieren müssen: “Heyheyhey, hört her, ich weiß was. Ha, globale Erwärmung. Tja, ihr Doofbacken, die ihr euch über das geile Wetter freut. Pah, ihr Ignoranten, das habt ihr wohl nicht bedacht.” Mit so einem tiefgetränkten Ton der Überlegenheit stolzieren sie durch Gespräche und halten uns allen ein riesengroßes “Vor-horsicht – hier is wer, der sich mal so richtig Gedanken zur globalen Lage und überhaupt und so macht.”

Und so will ich nicht sein. Will aber auch nicht so sein, wie die ganzen anderen Vollspacken, die sich nur dümmlich übers gute Wetter freuen und ihre Dummheit durch ihre unverhohlene Freude laut herauszuposaunen wissen. So denke ich heimlich, still und leise vor mich hin und kann nen Mückenstich nicht mit der Würde einer erwachsenen Frau tragen, sondern verschiebe den Fokus und mache mir Sorgen um klimapolitische Feststehensheiten.

 

Spargel im Januar

2. Januar 2007 um 20:23 Uhr

Mein Leben ist oft ein Bauchschmerz. Ich frage mich mal, ob das viele Leute haben. Immer wenn ich etwas schlimm finde oder wenn mir etwas einfällt, was noch zu erledigen ist, aber irgendwie doof und unangenehm ist oder wenn ich etwas peinlich finde oder wenn mir etwas gedanklich weh tut – schwupps – ist er da, der Bauchschmerz.

Das ist so ein Zusammenziehen und ein Gefühl von Übersäuertsein. Gerade habe ich an einen Termin gedacht, den ich wahrnehmen muss und zu dem ich keine Lust habe und mein lieber Freund Bauchschmerz stellte sich sofort ein. Das Dumme ist, dass ich, wenn ich hier so etwas hinschreibe, bestimmt einen erbärmlichen Eindruck mache. Aber ich frage mich, ob mehr Menschen von so kleinen Flauheiten geplagt werden und dann frage ich mich, welchen Sinn das für mich als Tier erfüllt. Ist es eine Reaktion, die so rein biologisch Sinn macht oder habe ich so eine psychosomatische Klatsche und das kommt daher und in 15 Jahren liege ich bei einer Chemo und mit unheilbarem Magenschleimhautkrebs? Denn gesund kann das nicht sein. Das ist kein schönes Gefühl und vor allen Dingen erschrickt mein armes kleines Hirn so, weil es gar nicht in der Sekunde die Sache als unangenehm oder belastend entlarvt hat und dann kommt dieser Bauchschmerz und etikettiert den Gedanken/Umstand als schmerzerfüllend. Komischer Mensch, der ich bin, braucht echt und ehrlich seinen Magen, um festzumachen, wie Sachen so liegen. Also, es ist nicht so, dass mein Hirn denkt “Schmerz” und dann reagiert mein Bäuchlein, nein, das Hirn denkt so vor sich hin und denkt nichts wirklich Böses, aber da meldet sich mein Magen und signalisiert “Horrorschmerz”. Und nützen tut es auch nichts.

Tralalaa

1. Januar 2007 um 17:45 Uhr

Was ich an Silvester/Neujahr mag, ist, dass sich alle Menschen voll im Moment befinden. Alle wissen, welches Datum es ist (klar) und nehmen die Zeit wahr und es herrscht so Gemeinsamkeit. Ich mag sogar dieses Runterzählen um 0 Uhr. Und ich mag/ertrag auch noch diese dann darauffolgende Knutscherei und Beglückwünscherei. Ich habe mir als Teenager, wenn ich mal geschwärmt habe, immer gewünscht, mit meinem Schwarm Silvester verbringen zu können und dann hätte ich ihm ja hemmungslos um den Hals fallen können und ihn legitim abschmatzen können oder ihm tiefe Blicke aufdrängen können und wäre ihm nach 0 h nicht mehr von der Seite gewichen. Hat sich nie ergeben.

Ach ja…

Was ich leider unerträglich finde, ist, dass viele Menschen an Silvester so sentimental sind. Gestern habe ich es auch schon wieder gehört: “Au Mann, jetz is schon 2007.” Das verstehe ich nicht, was ist denn daran schlimmer als an ”2006″?

Natürlich weiß ich, dass das Weglaufen der Zeit Angst macht, natürlich möchte niemand, der sich alt wähnt, noch älter werden, aber andererseits bringt es doch so mal überhaupt gar nichts, wenn man sich darüber grämt. Man kann sich darüber grämen, dass vielleicht die Verrohung voranschreitet, dass vielleicht die Zeit vergeht, aber das Gemusste da bleibt, dass man mal wirklich nicht unbedingt schöner wird, dass man nicht unbedingt unvoreingenommerer wird, je mehr Zeit man verlebt hat. Aber nur inhaltsleer das Erscheinen dieser neuen Zahlen zu bedauern, hmm.

Aber natürlich ist das auch voll egal, weil nämlich sowieso nie jemand genau das formuliert, was zu formulieren wäre. Man trifft sich, um das neue Jahr zu feiern und wenn sich so ein unsmoother Gedanke einschleicht, dann wird er kurz formuliert und damit hat es sich dann auch schon.

Tja.