Sie taucht in den Abend. Betritt den dämmerigen Asphalt wie eine Bühne. Stolziert durch den durchatmeten, endenden Tag. Möchte alle Luft in sich aufnehmen und die sehen und verstehen, die sie vor ihr geatmet haben. Ein seltsamer Gedanke, dass man mit unzähligen die gleiche Luft atmet; einfach das in sich einzulassen, was irgendein anderer schon in sich aufnahm. Ohne auch nur einen Gedanken an Ekel zu verschwenden, teilt man Luft mit jedem Dahergelaufenen. Lebt von dem, wovon schon andere lebten. Reiht sich ein. Atmet.
(Es tut noch weh.)
Ein alter Mann in einem sehr eleganten Sommeranzug schiebt sich und einen Rollator durch die Straßen. Auf dem von Schritten geschliffenen Kopfsteinpflaster schimmert der Teil des Lichtes, der vom Tag übrigblieb und die eben doch noch nicht ganz glatte Oberfläche lässt den Rollator aufgeregt auf und ab hüpfen.
“Warum sind diese Dinger nie gefedert?” Im Augenblick ist die Gehhilfe mehr auf den Alten angewiesen, als der Alte auf sie. Sie wünschte sich für ihn, er nähme seinen Hut aus dem Ablagekorb, setzte ihn auf und verließe einfach diese dumme Gehhilfe. Ihr beider Blick trifft sich und sie zieht ihre Schultern an und schämt sich, ihm so unverhohlen und doch passiv zugesehen zu haben. Sie geht jetzt zu ihm und nimmt den Rollator an sich und schiebt ihn im stillen Einverständnis mit dem Alten über den holprigen Parcours.
“Vielen Dank, junges Fräulein. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Friedrich Engels. Nein, ich bin nicht mit dem Kommunisten verwandt, aber ein wahrer Engel bin ich schon.” Ein süßer und warmer Duft von Tabak strömt aus ihm. Er streckt ihr die Hand entgegen und sie umfaßt seine leicht gekrümmte und gebräunte Hand. Unter ihrem Druck verschiebt sich seine Haut und sie erschaudert, weil sie nicht weiß, ob ihm das etwa wehtun mag. Schnell lässt sie seine Hand los und stellt sich mit einer leichten Verbeugung vor.
“Mein Name ist Uta. Und ich hoffe, ein Engel zu sein, obwohl mein Name Schnoll nichts damit zu tun hat.”
“Also, Fräulein Uta, ich würde mich gerne für Ihre Hilfe mit einem Getränk revanchieren.” Er spricht ihren Namen so aus, als ob er mit Doppel-t geschrieben würde. Das kommt ihr sehr schön vor. Auf eine Weise verbindet sie das, dass er ihren Namen besonders ausspricht.
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