Unreiner Reim

14. Mai 2007 um 21:37 Uhr

Es pocht. Meins pocht noch. Es pocht völlig emotionslos. Ich atme in Schüben, will es durch Atempausen aus der Ruhe bringen, doch es pocht einfach unbeirrt weiter. Leer und leise pocht es vor sich hin. Dann versuche ich zu hyperventilieren und beobachte, ob sich etwas tut. Es bleibt unbeeindruckt. Es pocht weiter leer und leise vor sich hin.
Immer seltsam diese Momente, wenn mir das Pochen bewusst wird. Habe mich noch nie darüber gefreut. Mein pochendes Herz war nie etwas, was mir wichtig, richtig oder angenehm schien. Wenn ich aufgeregt bin, dann pocht es stürmisch, verräterisch und ich wünschte mir da schon oft, dass es besser ganz aufhören möge, zu schlagen.

Jetzt liege ich hier und kann nur denken: Meines pocht noch.

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Nicht mehr so

13. Mai 2007 um 20:27 Uhr

“Folgt man einem Weg, dann wird der Weg zu einem selbst.”
So ein Riesenschwachsinn, denkt sie sich. Der Mann am Tisch neben ihr sagt das und guckt dabei resigniert, was eigentlich sonst ihr Mitleid erregen könnte, aber dieser Mann schaut so sehr tiefgründig, neunmalklug und selbstmitleidig, dass sie sich davon abgestoßen fühlt. Warum muss man sich so etwas bloß in der Öffentlichkeit erzählen? Sie wartet ganz gespannt und angewidert darauf, dass noch etwas folgt, aber der Mann bleibt still. Sie guckt ihn aus schielenden Augen an, denn ihr ist klar, dass ihm bewusst ist, dass jeder einzelne Gast Zeuge seiner Weisheit hätte werden können und vielleicht wartet er ja sogar auf die Reaktionen der anderen Gäste. Er sprach so bedeutungsgeschwängert und stoppte trotz der kurzen, sehr leisen Pause zwischen zwei Musikstücken nicht, nein, er hat seinen Satz laut herausposaunt. Ihn in das Lokal geworfen und sich nicht drum gekümmert, wer wohl alles zuhören mag. Nun sitzt er vor seinem Wasser, hat beide Hände nebeneinander flach auf dem Tisch vor sich liegen und blickt mit hängendem Kopf sein Gegenüber an. Dort sitzt ein alter Mann, der ein Stück Streuselkuchen isst. Der alte Mann scheint einzig darauf konzentriert zu sein, möglichst wenige Streusel auf dem Weg zu seinem Mund zu verlieren. Er sticht mit der Gabel seitlich in das gerade abgetrennte Stückchen Kuchen, um zu umgehen, dass die Streusel beim Reinstechen absprengen. Dann balanciert er die Gabel langsam zum Mund und hält die rechte Hand unter die Gabel, um abfallende Teile aufzufangen. Aber ein großer Streusel fällt ihm vom Kuchen und landet, an der Hand vorbei, auf dem Boden. Sein Blick, der den Streusel verfolgt hat, ist Verdruss. Er schiebt den abgefallenen Krümel unmütig mit der Fußspitze weiter unter den Tisch und guckt seinen Begleiter an. Der verlorene Streusel beeindruckt und beschäftigt ihn wohl mehr als die eben mit Nachdruck kolportierte Lebensweisheit. Er kaut sehr nachdrücklich und zeigt nur sehr wenig Gesprächsbereitschaft.

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Punkte werden zu Strichen, Striche werden zu Flächen

6. Mai 2007 um 11:43 Uhr

Sie taucht in den Abend. Betritt den dämmerigen Asphalt wie eine Bühne. Stolziert durch den durchatmeten, endenden Tag. Möchte alle Luft in sich aufnehmen und die sehen und verstehen, die sie vor ihr geatmet haben. Ein seltsamer Gedanke, dass man mit unzähligen die gleiche Luft atmet; einfach das in sich einzulassen, was irgendein anderer schon in sich aufnahm. Ohne auch nur einen Gedanken an Ekel zu verschwenden, teilt man Luft mit jedem Dahergelaufenen. Lebt von dem, wovon schon andere lebten. Reiht sich ein. Atmet.

(Es tut noch weh.)

Ein alter Mann in einem sehr eleganten Sommeranzug schiebt sich und einen Rollator durch die Straßen. Auf dem von Schritten geschliffenen Kopfsteinpflaster schimmert der Teil des Lichtes, der vom Tag übrigblieb und die eben doch noch nicht ganz glatte Oberfläche lässt den Rollator aufgeregt auf und ab hüpfen.

“Warum sind diese Dinger nie gefedert?” Im Augenblick ist die Gehhilfe mehr auf den Alten angewiesen, als der Alte auf sie. Sie wünschte sich für ihn, er nähme seinen Hut aus dem Ablagekorb, setzte ihn auf und verließe einfach diese dumme Gehhilfe. Ihr beider Blick trifft sich und sie zieht ihre Schultern an und schämt sich, ihm so unverhohlen und doch passiv zugesehen zu haben. Sie geht jetzt zu ihm und nimmt den Rollator an sich und schiebt ihn im stillen Einverständnis mit dem Alten über den holprigen Parcours.

“Vielen Dank, junges Fräulein. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Friedrich Engels. Nein, ich bin nicht mit dem Kommunisten verwandt, aber ein wahrer Engel bin ich schon.” Ein süßer und warmer Duft von Tabak strömt aus ihm. Er streckt ihr die Hand entgegen und sie umfaßt seine leicht gekrümmte und gebräunte Hand. Unter ihrem Druck verschiebt sich seine Haut und sie erschaudert, weil sie nicht weiß, ob ihm das etwa wehtun mag. Schnell lässt sie seine Hand los und stellt sich mit einer leichten Verbeugung vor.

“Mein Name ist Uta. Und ich hoffe, ein Engel zu sein, obwohl mein Name Schnoll nichts damit zu tun hat.”

“Also, Fräulein Uta, ich würde mich gerne für Ihre Hilfe mit einem Getränk revanchieren.” Er spricht ihren Namen so aus, als ob er mit Doppel-t geschrieben würde. Das kommt ihr sehr schön vor. Auf eine Weise verbindet sie das, dass er ihren Namen besonders ausspricht.

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